Die große Pause. Bastian BielendorferЧитать онлайн книгу.
auf.
Nadja am Telefon wirkt besorgt.
„Meinst du denn, du solltest auftreten?“, fragt sie.
Ich habe darauf keine Antwort, denn ich bin hin- und hergerissen. In meinem Job darf man einen Grad an Erfüllung erleben, den viele Berufe nicht häufig mit sich bringen. Wenn hundert, fünfhundert oder tausend Menschen einen schönen Abend haben, weil man auf einer Bühne steht und sie mit den eigenen, Erlebnissen des Scheiterns zum Lachen bringt und man dafür sogar noch Applaus bekommt, dann ist das ein erhebendes Gefühl. In welchem Job, außer vielleicht als Berufspilot, gibt es das schon? Der schönste Moment auf der Bühne ist der, in dem man die Leute „hat“.
Was erst mal nach einem Schlangenölverkäufer klingt, der über die Dörfer fährt und sein Publikum in einen somnambulen Trancezustand redet, ist für mich das schönste Glücksgefühl überhaupt. Der Moment, in dem es zu einem fast spirituellen Einklang zwischen Akteur und Zuschauern kommt. Jede Bewegung, jede Veränderung der Mimik, jede Nuance der Intonation wird vom Publikum wahrgenommen und in Form von Lachern honoriert.
Der Preis, den man dafür zahlt, ist das berühmte „Geht nicht, gibt’s nicht“. Abgesagt wird in meiner Branche nur im absoluten Notfall, wenn es wirklich nicht anders geht. Und selbst dann verlangt es große Überwindung. Man will das Publikum nicht enttäuschen. Die Leute haben schließlich Geld ausgegeben, einen Babysitter besorgt, Termine verlegt und sich tage-, wenn nicht wochenlang, auf den Abend gefreut. Da sprengt man das alles nicht mit der banalen Ansage, dass „der Künstler leider wegen eines Schnupfens verhindert ist“.
Ich spiele immer. Egal, wie stark der Schnupfen ist, egal, wie schlecht ich mich fühle. Wobei, den Abend, als ich mit Magen-Darm-Grippe auf der Bühne stand, hätte ich auch auslassen können: Oktober 2016. Flottmann-Hallen Herne. Ausverkauft. WDR Lokalzeit war vor Ort, um einen Bericht über den „neuen“ Comedian aus dem Ruhrpott zu drehen. Schon vor der Hinfahrt bemerke ich deutliche Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, deshalb begleitet mich Nadja.
Ich komme auf die Bühne. Im Englischen spricht man von „Stage Health“, gemeint ist der plötzliche Anstieg von Adrenalin, der dazu führt, dass die Symptome, die man gerade noch gehabt hat, plötzlich verschwunden sind. Das Betreten der Bühne wirkt wie ein natürliches Schmerzmittel, besser als eine Handvoll Ibuprofen Tabletten.
Die erste Hälfte verlief sehr gut.
Nach 60 Minuten verabschiedete ich die Menschen in die Pause und ging hinter die Kulissen zur Garderobe. Erstaunlich, wie der Körper in dieser Belastungssituation in der Lage ist, das Unwohlsein zu unterdrücken, dachte ich, als ich dem Tontechniker, der am Rand der Bühne auf mich wartete, freundlich zunickte. In der Garderobe kam Nadja auf mich zu. „Siehst du, das lief doch …“, konnte sie noch sagen. Dann habe ich ihr vor die Füße gekotzt. Und auf das Sofa der Garderobe. Und auf den Teppich, die Spiegel, die Wände. Gefühlt habe ich die Flottmann-Hallen für immer unbespielbar gemacht.
„In Köln haben sie gestern alle öffentlichen Veranstaltungen verboten“, unterbricht Nadjas Stimme meine Erinnerungen an dieses schöne berufliche Erlebnis.
Jetzt reicht’s, ich entscheide, nach Hause zu fahren. Ich kann derzeit einfach nicht guten Gewissens vor über 500 Leuten auftreten.
Die fehlende Einigkeit zwischen Bund und Ländern führt derzeit zu völlig absurden Szenarien. In Köln würde die Polizei mich von der Bühne holen, in Berlin muss ich damit rechnen, wegen Vertragsbruch verklagt zu werden.
Das Taxi, das mich vom Hotel abholt, ist ein seltener Anblick. Ein Mercedes Strich-8. Der Siebzigerjahre-Oldtimerwirkt in der hypermodernen Großstadt Berlin wie ein Tupfer Vergangenheit in einem Sog aus Zukunft. Der Taxifahrer steigt aus. Er trägt Mundschutz und Gummihandschuhe, lässt den Kofferraum aufgleiten, signalisiert mir mit einem Nicken jedoch, dass ich den Koffer selbst reinheben soll.
Ich nehme auf dem Rücksitz Platz.
„Sie sind mein erster Fahrjast seit acht Stunden“, lässt er mich im breiten Berlinerisch wissen. Ich schaue auf die Straße hinaus und weiß, was er meint. Kaum ein Auto kommt uns entgegen. Dort, wo sonst Tausende Pkws die Eingeweide der Stadt verstopfen, herrscht gähnende Leere. Wir nehmen beim Passieren des Alexanderplatzes mehrere grüne Ampeln in Folge mit, und zum ersten Mal an diesem merkwürdigen Morgen lehne ich mich entspannt zurück.
Wir Menschen sind schnell geworden. Vielleicht zu schnell. Im Fernsehen haben sie gesagt, dass Peking durch die Corona-bedingten Ausgangssperren zum ersten Mal seit 35 Jahren nicht unter einer Wolke aus Smog verborgen liegt, sodass man die Lichter der Stadt vom Weltraum aus sehen kann. In den Kanälen von Venedig ist das tiefschwarze Wasser plötzlich so hell und blau, dass man die Fische erkennen kann. Und in Berlin kann man Taxi fahren, ohne Angst um sein Leben zu haben. Und das alles, weil draußen eine unsichtbare Gefahr die Menschen in Angst versetzt.
Ich rutsche auf dem cognacbraunen Leder des Rücksitzes herum, das nach Holzpolitur riecht und in der Sonne glänzt.
Ich stelle mir vor, wer schon alles in diesem Wagen gesessen haben könnte. Die Knef bei einer Fahrt von einem Auftritt zu einem Geliebten, der irgendwo in einem Hotel im Großstadtgewirr auf sie wartet. David Bowie auf dem Weg ins Studio, als er Ende der 1970er-Jahre in der Schöneberger Hauptstraße gewohnt hat. Harald Juhnke, der immer legendär großzügig und freundlich, aber auch betrunken gewesen sein soll.
Ich stelle mir vor, wie er sich von Kneipe zu Kneipe fahren ließ und auf jedem Deckel einen Strichcode der eigenen Abhängigkeit hinterließ, umgeben von Männern in speckigen Lederjacken, alles roch nach Zigarettenqualm und schweren Parfums.
Das Westberlin, das Juhnke damals vielleicht aus demselben Fenster heraus angeschaut hat wie ich jetzt, war eine andere Stadt: geteilt, abgegrenzt, zerrissen.
Wobei, vielleicht war es doch gar nicht so anders wie heute, wenn man sich die leeren Bürgersteige ansieht, die an mir vorbeiziehen. Selbst vor dem Hauptbahnhof, an dem sich sonst Ankommende und Weggehende in einem Gewirr aus Stimmen und Sprachen überschlagen, stehen Dutzende freie Taxen. Die Fahrer sitzen auf den Motorhauben und unterhalten sich wild gestikulierend.
Selbst die Bettler vor dem Hauptbahnhof, die sonst auf jeden Fahrgast wie magnetisch angezogen zuströmen, halten Abstand. Nur einer schaut mich müde an. Ich gebe ihm etwas Geld und bekomme ein Lächeln geschenkt.
Ich glaube, selbst in der seltsam toten Zeit zwischen 3 und 5 Uhr morgens, in der bundesweit keine Züge fahren, ist der Bahnhof nicht so leer wie heute.
Ein ausgetrockneter Knotenpunkt, in dem die Verkäufer der zahlreichen Imbissbuden einsam vor ihren Brötchenregalen und Fritteusen stehen. Die wenigen Reisenden flüchten in die offenen Türen der Züge wie Ameisen in ihre Löcher.
Ich kaufe mir ein belegtes Brötchen. Die Verkäuferin legt das Wechselgeld nicht in meine ausgestreckte Hand, sondern auf den Tresen.
Könnte auch nur die klassische, berlinerische Unhöflichkeit sein. Die Frau schaut aber eher mitleidig als böse.
Als ich den Zug nach Köln besteige und Berlin verlasse, habe ich das seltsame Gefühl, für lange Zeit nicht mehr zurückzukehren.
KATASTROPHE IN KORNBLUMENBLAU
Heute war zur Abwechslung mal Silvester-Feeling. Nicht im dem Sinne, dass sich im Vorgarten jemand mit einem Polenböller die Finger wegsprengt, sondern weil die Kanzlerin zu uns spricht. Das passiert sonst nur zum Jahreswechsel.
Angela. In allen Wohnzimmern. So auch in unserem.
Schwiegermutter und Frau sitzen am Esstisch und rühren noch in den Resten des Abendessens herum, das ich aufgrund mangelnder Übung massiv verkocht habe.
Merkel findet deutliche Worte für das, was uns seit nunmehr fast zehn Tagen mehr und mehr verunsichert. Sie ist dabei menschlich, ermahnend, besonnen und nicht belehrend. Selbst als Nicht-CDU Wähler muss man zugeben, dass Merkels Ansage